ADHS /ADS Stigmatisierung ist so weit verbreitet, das Eltern die Diagnose verzögern

Ulrike aus Berlin nimmt sich heute viel Zeit für die Unterstützung Ihres Kindes mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Sie arbeitet in einem kindertherapeutischen Beruf. Als es damals um die Diagnose ihres Sohnes Darius im Alter von sechs Jahren ging, war sie aber von ihrer Reaktion überrascht.

„Es war nicht hilfreich, darüber Bescheid zu wissen“, erinnert sich Ulrike. „Als Mutter war mein Gefühl, dass ich etwas falsch gemacht habe.“

Ulrike erkannte die Symptome bei ihrem Sohn, der wilder war als die meisten Kinder. Darius konnte destruktiv sein, Spielzeug zerbrechen und andere verletzen. All dies machte es ihm schwer, Freunde zu finden.

„Mir wurde gesagt, dass ich härter zu ihm sein sollte, Darius sei so, weil ich jung und alleinerziehend bin“, erinnert sich Ulrike. „Es war ein langer und einsamer Weg für uns. Viele denken, dass AD(H)S erfunden ist, daher ist es schwierig mit Ihnen darüber zu diskutieren. Darius ist ein großartiges Kind und ich wünschte, die Leute könnten über das Stigma hinwegsehen und sehen, wie er wirklich ist. “

Ulrike und ihr Sohn sind definitiv nicht allein im Kampf gegen diese Vorverurteilung, die sich rund um eine AD(H)S-Diagnose dreht. In der Tat, ADHS-International sagt, es ist „eine der häufigsten, noch missverstandenen und stigmatisierten Erkrankungen in Deutschland und Europa.“ Und damit zu leben ist manchmal genauso schwer für Eltern und Kinder wie die Behandlung der Störung selbst.

Von der medizinisch neurobiologische Störung AD(H)S sind Millionen von Europäern betroffen. Es gibt drei Untertypen: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, die jede mit ihren eigenen Symptomen daher kommt, einschließlich dem Verlust von Dingen, der Schwierigkeit konzentriert zu bleiben, herumzuzappeln oder zu träumen, übermäßig zu reden oder kein Wort zu sagen, bis hin zu aggresiven Verhalten.

Die ehrenamtlichen Helfer von ADHS-International reden mit vielen Eltern, deren Kinder mit ADHS diagnostiziert wurden, die sehr aufgeregt sind und nicht wissen, wohin sie gehen- oder was sie tun sollen. Häufig wollen die Eltern nicht, dass die Schule davon erfährt. Sie wollen nicht, dass ihr Kind gebranntmarkt wird.

Kinder mögen noch so gut sein in der Schule und besondere Stärken haben, es steht nicht mehr im Vordergrund, den es ist diagnostiziert. Es ist ein Etikett eines vermeindlich schlechten Kindes oder eines Kindes, das nicht diszipliniert ist, eines Kindes, das nicht sehr hell im Kopf ist und viele Dinge nicht beherrscht.

ADHS-International führt an, das viele verbreitete Mythen zu der Stigmatisierung führen und die Familien plagen.

Die Mythen über ADHS

Offensichtlich wollen die Eltern nicht, dass ihre Kinder (oder sie selber) eine Vorverurteilung oder eine Schande erleiden, also verzögern oder vermeiden einige Eltern, dass ihre Kinder diagnostiziert werden. Aber Studien haben gezeigt, dass nicht diagnostizierte und unbehandelte Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit AD(H)S ein höheres Risiko für ein geringes Selbstwertgefühl, den Substanzmissbrauch, die Angst und Depression haben.

„Wir hatten Angst vor dem Stigma, weil dies mit psychischen Problemen einhergeht“, erklärt Monika, eine Münchner Mutter und erzählt, das sie und ihr Ehemann Mark es deshalb verzögerten, bis ihre achtjährige Tochter Lisa diagnostiziert wurde.

Das Paar bemerkte zuerst, dass Lisa ADS-ähnliches Verhalten zeigte, als sie im Kindergarten war. Sie hatte Schwierigkeiten, den Anweisungen zu folgen und ihre Emotionen zu kontrollieren. Sie war ständig woanders unterwegs und wurde häufig aggressiv und „unhöflich“, wenn es nicht nach ihr ging.

„Die Schule konnte nicht mehr mit ihr umgehen“, sagt Monika. „Sie ist schlau, aber aufgrund ihres Verhaltens hat sie kaum etwas gelernt.“ Darüber hinaus fühlte Monika sich schlecht als Mutter, weil Lisa in der Schule ständig Ärger bekam und nicht verstand warum. Und Ihre Mutter konnte es ihr ebenfalls nicht erklären.

Monika und ihr Ehemann beschlossen, Lisa im letzten Jahr zu einem Psychologen zu bringen. Nach drei Testtagen wurde Lisas ADS bestätigt und sie wird bald Medikamente bekommen. Aber die Sorgen von Monika sind nicht vorbei.

„Es gibt viele Missverständnisse da draußen. Ich fürchte, die Leute werden sie anders behandeln und nur ADS sehen“, erklärt sie. „Sobald wir uns nach der Diagnose beruhigt haben, planen wir definitiv, die Menschen aufzuklären, damit dieser Zustand zum Mainstream wird und diejenigen, die damit zu tun haben, sich keine Sorgen mehr über Stigmatisierung machen müssen.“

Monika hat allen Grund sich Sorgen zu machen. Die Vorverurteilung wegen ADHS kann dazu führen, dass das Kind auf dem Spielplatz gemobbt und gemieden wird – und nicht nur von Kindern.

„Ich hatte eine Nachbarin um die Ecke, die ihre Kinder nicht mit [meinem Sohn] spielen lassen wollte, weil er zu wild und laut war“, erinnert sich Kathy aus Freiburg, deren Sohn Mark ADHS hat. „Er durfte nicht in ihrem Klettergerüst spielen. Wir hatten Freunde, die uns nicht in ihre Häuser einladen wollten, weil mein Sohn „zu rauflustig“ war.

Kathy glaubt, dass die Gegenreaktionen, die sie von anderen Eltern erfahren hat, sie zu einem starken Fürsprecher für ihren Sohn gemacht hat, der jetzt 18 Jahre alt und ein Ehrenstudent ist. „Ich habe gelernt, für ihn zu kämpfen“, sagt sie. „Ich wurde von einer schüchternen, stillen Mutter zu einem Löwen.“

Kathy fand sich sogar in einem Radiosender wieder, um mit einem gefragten Professor zu argumentieren, der behauptete, ADHS sei eine Nahrungsmittelallergie.

„Der Mangel an Wissen und Verständnis der Menschen über AD(H)S macht mich wütend und verletzt“, sagt Kathy. „Aber es bringt mich auch dazu, dass Mark ein Erfolg wurde. Ich werde immer für meinen Sohn kämpfen.“

Eine Lobby für Betroffene

Dafür formiert sich ADHS-International. Den Weg den Kathy geht, ist genau der richtige Ansatz, den Eltern verfolgen sollten.

Sie sollten es nicht verstecken, das ist die Erkentniss. Wenn Sie nicht zur Diagnose stehen oder die Diagnose mit Ihrem Kind, Geschwistern, Familienmitgliedern teilen und besprechen, senden Sie im Grunde die Nachricht an Ihr Kind, dass dies etwas ist, für das man sich schämen muss. Und eine solche Botschaft will eigendlich niemand senden.

Transparenz schafft Akzeptanz und sorgt dafür, dass Kinder in allen sozialen Kontexten die Hilfe bekommen, die sie brauchen. Oft wollen die Eltern nicht, dass andere es wissen, weil sie nicht wollen, dass ihr Kind dieses Stigma hat. Aber nur durch Wissen und Bildung wird Verständnis entstehen. Und wer sonst, statt dieser Eltern, kann dieses Wissen vermitteln?

Die Diagnose kann auch viele Vorteile für die Familie haben, einschließlich des Zugangs zu Ressourcen und der Bildung einer Selbsthilfegruppe mit anderen Eltern.

Organisationen wie ADHS-International bekämpfen das Stigma auf der Makroebene. Durch öffentliche Aufklärungskampagnen und den Kampf für die öffentliche Politik arbeitet ADHS-International daran, die Betreuung von Kindern mit AD(H)S zu verbessern und ein unterstützendes Umfeld zu schaffen. Schließlich haben einige der erfolgreichsten Menschen der Welt ADHS, darunter Bill Gates und Richard Branson.

ADHS-Kinder haben viele positive Eigenschaften. Es kann zu mehr Kreativität führen, sie sind oft energischer und sie können viel erreichen.

Seit der Diagnose ihrer Tochter sagt Ulrike, dass es Lisa in der Schule besser geht. Sie entschied, dass Medikamente die beste Option für sie sind und sie ist jetzt stabilisiert und gedeiht.

Und die Stigmatisierung?

Mein Rat für Eltern wäre, sich daran zu erinnern, dass Sie Ihr Kind am besten kennen. Sie wissen, wenn etwas nicht stimmt. Die Kinder brauchen Sie, um sie zu lieben und ihre stärkste Fürsprecher zu sein, denn am Ende des Tages sind sie die Profis für das Leben Ihres Kindes und werden immer bei Ihnen sein. Die Kinder brauchen Sie, um ihnen zu helfen, liebevolle, glückliche und beitragende Mitglieder der Gesellschaft zu werden.

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