Ich und andere Betroffene – ADHS bei Erwachsenen

Nach 42 Jahren ist es nun endlich soweit. Ich habe gelernt mit meiner Krankheit umzugehen und schaffe es mittlerweile sogar, diese bestmöglich in meinen Alltag zu integrieren. Auch wenn sich mein Tagesablauf nur mit einem ausreichenden Maß an Organisation bewerkstelligen lässt, so schaffe ich es trotzdem jeden Tag auf’s Neue, das Chaos auf ein Minimum zu begrenzen. Wie das geht? Eigentlich nur mit einer ordentlichen Portion Disziplin und Konzentration. Dazu muss ich mich jeden Tag zwingen und finde zumindest in meiner Arbeit das Ziel, welches ich anstrebe: Strukturen definieren und leben.

Die Diagnose ADS – es folgen weitere Überraschungen

Hätte mir jemand vor einigen Jahren erzählt, dass ich an ADS leide, so hätte ich ihm definitiv nicht geglaubt und wahrscheinlich eine hektische und ablehnende Handbewegung zum Besten gegeben. Wer glaubt schon, dass ein erwachsener Mensch unter dem Aufmerksamkeit-Defizit-Syndrom leidet?! Richtig, vermutlich niemand. Im Laufe der letzten Jahre, habe ich bereits einige Blogs über diese Krankheit veröffentlichen können und musste bei meiner Recherchearbeit feststellen, dass der Großteil der Bevölkerung diese psychische Störung mit Kleinkindern assoziiert. Ebenso wie ich es getan habe. Und zwar vor der Diagnose meines behandelnden Therapeuten im Jahr 2008. Zu meiner persönlichen Überraschung wurde mir damals mitgeteilt, dass diese Krankheit im Erwachsenenalter, auf eine mehrjährige Existenz zurückzuführen ist, welche bereits im Kleinkindalter begonnen hat. Wie ist es also möglich, über 30 Jahre mit einer Krankheit zu leben, von der jeder glaubt, sie betrifft nur Kleinkinder? Diese Frage beschäftigte mich, noch während ich mich mit dem Arzt unterhalten habe und natürlich auch im Anschluss. Neben der Hiobsbotschaft über die Diagnose per se, warten selbstverständlich weitere überraschende Informationen darauf, mitgeteilt zu werden. Damals klärte mich mein Arzt sorgfältig darüber auf, dass es Unterschiede zwischen ADS und ADHS gibt. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt nicht sicher, ob ich mich darüber freuen sollte, das Krankheitsbild ohne Hyperaktivität aufzuweisen.

Ich und andere Betroffene

Heute bin ich tatsächlich froh darüber, nicht unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) zu leiden. Mein Krankheitsbild ergibt sich lediglich aus dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und nach all den Erfahrungen, welche ich mit anderen Betroffenen sammeln konnte, bin ich sogar froh darüber. Eine Hyperaktivität würde nämlich nicht mit meinen Ambitionen, gedanklich in Paralleluniversen zu schweben, konform gehen. Und vermutlich würde diese zusätzliche Störung mein alltägliches Chaos noch verschlimmern. Zumindest vermute ich das, denn anhand der Geschichten welche die Mitglieder in meiner etwas durchgeknallten Selbsthilfegruppe zu erzählen haben, musste ich feststellen: es gibt Schlimmeres. Und zwar in jeder Situation. Diese Phrase ist nicht neu und auch kann ich mein Lebensmotto nicht darauf aufbauen. Denn mit einer Krankheit wie dem ADS lässt sich Schlimmeres nur mit viel Konzentration vermeiden. Diese Konzentrationsschwäche begleitet mich bereits seit 42 Jahren und im Nachhinein betrachtet, hätte ich erahnen können, dass es in Bezug auf mein Verhalten Einiges zu therapieren gibt. Wie zum Beispiel das Bewerkstelligen mehrerer Aufgaben gleichzeitig, von denen selbstverständlich keine erfolgreich ausgeführt werden kann. Seit vielen Jahren kämpfe ich unbewusst dagegen an, mich auf eine einzige Aufgabe zu konzentrieren, indem ich mich von anderen profanen Ereignissen und Gedanken ablenken lasse. Das daraus resultierende Chaos findet in erster Linie im Kopf statt und äußert sich in allem, was ich tue.

Der Fokus und das unterstützende Präparat

Zwischenzeitlich richte, organisiere und strukturiere ich meinen Alltag, nicht nur durch die medikamentöse Behandlung mit Metylphenidat, sondern auch mit einem Anreiz, der mich dazu bringt, mich auf eine einzige Sache zu konzentrieren: meine Arbeit. Bei meiner Konfrontation mit den Störungen ADS und ADHS, habe ich Einiges an Informationen sammeln können. Zum Beispiel, dass der Wirkstoff Metylphenidat für die Behandlung von Erwachsenen in Deutschland nicht zugelassen ist und ich somit von Glück reden kann, dennoch meine Behandlung durchführen zu können, um – wie bereits erwähnt – Schlimmeres zu verhindern. Aber auch das Programmieren hilft mir dabei, mich durch den täglichen Dschungel in meinem Kopf zu kämpfen. Paradoxerweise, hilft mir das Generieren von Backlinks und Hyperlinks dabei, mich einzig und allein darauf zu fokussieren, was von mir verlangt wird, obwohl eine Arbeit wie diese, mehr als nur Konzentration erfordert. Wer hätte das gedacht?! Vermutlich wäre das mit ADHS nicht möglich und somit muss ich mir doch letztendlich eingestehen: es gibt Schlimmeres. Immer.

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