Ich vergesse nicht, ich verliere. AD(H)S und das Kurzzeitgedächtnis

Es wäre so leicht, wenn ich Dinge einfach vergessen würde. Denn, wenn sie einmal vergessen sind, sind sie ja aus dem Sinn. Wenn ich wieder einmal etwas vergesse, dann vergesse ich es aber nicht wirklich. Ich habe eher das Gefühl, dass sie in meinem chaotischen Kopf verloren gegangen sind. Wenn es um das Kurzzeitgedächtnis geht, fällt es besonders schnell auf, dass mein Kopf anders „tickt“. Ich gehöre eben zur Gruppe „ADS bei Erwachenen“.

Hören ist nicht gleich hören

Wenn es doch nur so einfach wäre. Das Problem bei meinem Kurzzeitgedächtnis ist bei ADS bei Erwachenen oftmals gar nicht, dass es einfach nur sehr schlecht funktioniert. Wenn es um Dinge geht, die mir gesagt wurden, habe ich oftmals durchaus das subjektive Gefühl, es mitbekommen zu haben. In Wahrheit habe ich es aber lediglich gehört, oder besser gesagt, meine Ohren haben die Schallwellen aufgenommen, aber der Inhalt hat es nicht bis in die dafür vorgesehene Erinnerungsschublade geschafft, sondern wurde irgendwo auf dem Weg dorthin einfach fallen gelassen. Beim ADS besteht das Problem, dass es sehr schwer ist, konzentriert zuzuhören, wenn es sich nicht um etwas handelt, was einen in dem Augenblick aufrichtig interessiert. Wenn ich es nicht schaffe, ganz bewusst jedes gesprochene Wort im Kopf noch einmal zu wiederholen und quasi fein säuberlich in den dafür vorgesehenen Erinnerungsschubladen zu verstauen, gehen Inhalte einfach verloren.
Ich weiß, dass sie da sind. Aber ich finde sie nicht. Ich kann sie nicht greifen.
Ganz besonders nervig ist es, wenn mich mein Freund etwas fragt, was ich nur beantworten könnte, wenn ich seine Worte fünf Sätze zuvor bewusst abgespeichert hätte.
Da es in dem Augenblick aber für mich wichtiger ist, mich mit dem Suchen dieses verloren gegangenen Gesprächsinhalts zu befassen, als eine geschickte Möglichkeit zu finden, das Gespräch auf etwas anderes zu lenken, verlaufe ich mich oftmals in meinem Kopf und antworte mit Dingen, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen sind. Das kann peinlich werden.
Doch der Umgang mit dieser Problematik ist fast noch spielend leicht, verglichen mit dem Versuch, möglichst wenig Alltagsutensilien zu verlieren.

Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn.

Schlüssel im Kühlschrank, Handy auf dem Regal im Bad, Schraubenzieher im Schuhschrank.
Klingt, als wäre da jemand betrunken gewesen. Aber nein, so etwas ist hier bei mir Standard.
Ich vergesse nicht, wo ich meinen Schlüssel hingelegt habe. Die Erinnerung daran ist einfach verloren gegangen. ADS bei Erwachsenen, aber auch ADHS bei Erwachsenen erkennt man häufig nicht zuletzt daran, dass man nie das zur Hand hat, was man eigentlich ganz dringend brauchen würde und beim Finden des Gegenstandes nie so wirklich überrascht ist über den zumeist überaus außergewöhnlichen Fundort.
Es ist ein tägliches Abenteuer, wenn ich im Kopf den kompletten Tag rückwärts durchgehe. Ich muss die Wege, die ich am Tag gegangen bin, Schritt für Schritt rückwärts absuchen, um mich zu erinnern, wo ich Dinge hingelegt habe.
Wenn dann die Erinnerung an die Tagesabläufe verloren gehen, wie meine Alltagsgegenstände, dann habe ich ein ernsthaftes Problem.
Ich bin schon oft sehr viel Geld losgeworden, weil ein Fachmann vom Schlüsseldienst kommen und meine Tür mit einem Stück Pappe öffnen musste. Nur um mich dann abends im Bett daran zu erinnern, dass ich den Schlüssel unten im Waschkeller habe liegen lassen.

Struktur ist der Schlüssel, aber Schlüssel gehen bei mir verloren

Es würde mir unheimlich helfen, wenn ich die Strukturpläne, die ich regelmäßig mit meinem Coach für ADS bei Erwachsenen aufstelle, im Alltag auch befolgen würde.
Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass er vergisst, dass es für Menschen mit ADS nicht problematisch ist, Strukturpläne aufzustellen. Das Einhalten ist das Problem. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

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